Gut statt schnell – Journalismus wie er mir gefällt

Juli 21st, 2010

Unlängst habe ich mich über “Schnell statt gut” geärgert. Aber heute habe ich mit großer Freude bei der Allgemeinen Zeitung ein wirklich sehr schönes Beispiel gefunden, wie man aus einem Termin, der gerade für einen Videobeitrag wenig “bildgewaltig” ist, dennoch einen sehr schönen und eindrucksvollen Beitrag gestalten kann. Eigentlich war das ein wenig spektakulärer “Jemand bekommt eine Urkunde-Termin”. Doch der Autor des Videobeitrages, Uli Kern, hat genau das gemacht, was ich mir wünsche! Er hat sich Zeit gelassen! Er hat nicht schnell-schnell draufgehalten, das Material einmal durch den Schnittcomputer geprügelt und fertig. Nein, er hat sich ein Konzept gemacht, recherchiert, zusätzliches Material gefilmt und einen wirklich sehr guten und eindrucksvollen Beitrag zu dem Thema gemacht. Er erzählt in dem Film eine Geschichte und das sehr gut und professionell. Hier hat jemand endlich mal mit “Gut statt schnell”, ein Gegengewicht zum grassierenden Fastfood-Journalismus gesetzt. Hier das Video:

Schnell statt gut – wie unprofessioneller Journalismus funktioniert

Juli 19th, 2010

An einem aktuellen Fall möchte ich hier mal aufzeigen, wie das Bestreben, der Schnellste zu sein, auf Kosten der Gründlichkeit und Qualität geht. Auf t-online.de habe ich dieses Video gefunden, das von einem Ertrinkungsfall am Großensee bei Trittau berichtet und massive Vorwürfe gegen die dortige DLRG-Otrsgruppe erhebt. Quelle des Films ist der Nachrichtendienst “Nonstopnews“, der verspricht: “Ein Team aus über 30 freien Reportern bietet Ihnen die wichtigsten Nachrichten der Regionen professionell und schnell – rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr.”

Nonstopnews

Nonstopnews

Aus meiner persönlichen Sicht und auf Basis der Tatsache, dass die DLRG Bundesebene die Fakten des Vorganges ausführlich in einer Stellungnahme schildert, kann ich hier verschiedene Fehler feststellen, die im professionellen Journalismus nicht passieren sollten. Diese sind wohl vor allem dem falschen Paradigma nicht so gut, sondern so schnell wie möglich sein zu wollen, geschuldet. Was Nonstopnews dort abliefert, wird meiner Meinung nach deren eigenen und dem generellen Anspruch “professionell” nicht gerecht. Hier die groben Fehler:

1. Die Darstellung des Videobeitrages ist absolut einseitig und basiert ausschließlich auf der Aussage zweier jugendlicher Ersthelfer als Zeugen. Die beiden stellen ihre Sichtweise dar und erheben schwere Vorwürfe gegen die DLRG. Die von den Vorwürfen betroffene DLRG Ortsgruppe kommt in dem Beitrag nicht zu Wort. Die Aussagen der Jugendlichen werden nicht hinterfragt und nicht durch andere Aussagen be- oder widerlegt.  Damit basiert diese Aussage im Wesentlichen nur auf einer Quelle und eine bewährte Nachrichtenregel verlangt immer zwei Quellen für eine Aussage, vor allem dann, wenn diese kritisch ist.

Anstatt die Darstellung des Falles seitens der von den Vorwürfen betroffenen DLRG-Ortsgruppe abzuwarten und einzubauen, wird der Beitrag lieber schnell produziert und verbreitet. Das ist journalistisch unprofessionell, denn bei Vorwürfen dieser Art sollten alle Beteiligten gehört und eine Stellungnahme nötigenfalls abgewartet werden. Die Stellungnahme der DLRG-Ortsgruppe wird später  in einem Satz auf der Internetseite von Nonstopnews nachgeliefert, der Beitrag ist aber bereits überall verfügbar. Damit verletzt Nonstopnews mindestens Ziffer 2 des Deutschen Pressekodex, der Journalisten zur Sorgfalt verpflichtet. Es könnte sogar Ziffern 9 “Schutz der Ehre” und 13 “Unschuldsvermutung” als missachtet in Betracht kommen. Der gesamte Pressekodex hier als Download.

Die Aussage im Text und im Video “Vor Ort wollte niemand der Helfer zu den Vorwürfen der Ersthelfer Stellung beziehen” kann die unterlassene Einholung der Stellungnahmen auch nicht entschuldigen. Denn wenn Rettungsdienste im aktuellen Einsatz sind, liegen die Prioritäten nicht bei Presseinterviews sondern bei der Abarbeitung der Schadenslage. Daher wäre es fair und handwerklich korrekt gewesen, die Stellungnahme kurz nach dem Einsatz einzuholen und der von den beiden Jugendlichen beschuldigten DLRG-Gruppe Gelegenheit zur Darstellung ihrer Sichtweise zu geben. Damit ist man dann aber natürlich nicht mehr der Schnellste, sondern “nur noch” der Gründlichste.

2. Der Beitrag verschweigt – ob absichtlich oder aufgrund schlampiger Arbeit – mehrere wesentliche Fakten. 1. Der Verunglückte ist außerhalb der bewachten und auch als bewacht gekennzeichneten Badezone schwimmen gegangen. Die gekennzeichnete Badezone wird auch seitens der Kommune vor Ort von Wasserpflanzen etc. geräumt, um diese sicherer zu machen. Der Bereich außerhalb der Badezone bleibt naturbelassen und ist als gefährlich bekannt. 2. Der Verunglückte ging außerhalb der Wachdienstzeiten schwimmen. Die DLRG vor Ort macht den Wachdienst von 9:30 Uhr bis 18:30 Uhr und hatte diesen Wachdienst an dem Tag sogar bis 19:00 Uhr verlängert, da viel Betrieb war. Der Mann ging um 19:15 Uhr ins Wasser und das wie erwähnt außerhalb der als bewacht ausgewiesenen Badezone. Diese Fakten wären bereits vor Ort recherchierbar gewesen, blieben aber unbeachtet. Abermals eine Missachtung von Ziffer 2 des Pressekodex.

Schnelligkeit killt Qualität

Mit dem dargestellten Beispiel erkennen wir sehr gut einen traurigen Trend im Journalismus, bei dem es nicht mehr heißt: “Sei der Beste!” Statt dessen lautet das Leitmotiv heute: “Sei der Schnellste!” Leider bezahlen zu viele Redaktionen ihre Zulieferer auch nur noch für Geschwindigkeit und nicht mehr für Qualität. Hätte der Mitarbeiter, der diesen Beitrag zugeliefert hat, die bewährten Spielregeln des Journalismus eingehalten, wäre ein neutraler und sachlicher Bericht möglich gewesen, der dem Zuschauer frei lässt, sich selbst eine Meinung zu bilden. So aber ist der Bericht vorverurteilend und unausgewogen und damit schlichtweg unprofessionell. An dieser Stelle nochmals der Hinweis, dass es sich bei dieser Betrachtung um meine Meinung zu diesem Fall handelt.

UPDATE 21. Juli 2010: Wie man dieses Thema gründlich aufbereitet, zeigen die “Lübecker Nachrichten“. Und auch Videobeiträge kann man “Gut statt schnell” machen!

Andreas Lerg im Experten-Interview zu Google Street View

Juli 14th, 2010
Andreas Lerg im Gespräch mit der Allgemeine Zeitung zum Thema Google Street View.

Andreas Lerg im Gespräch mit der Allgemeine Zeitung zum Thema Google Street View.

Diesmal konnte ich der Allgemeinen Zeitung meine Dienste nicht wie sonst als freier Mitarbeiter, sondern als Fachjournalist zum Thema Google Street View anbieten. Das Interview führte Redakteur Hans-Willi Blum.

Hintergrund des Gespräches ist die Tatsache, dass immer mehr Gemeinden in unserer Region gegen Google Street View Front machen. Gerne nutzen Politiker die derzeit negative Stimmung gegen Google und dessen Dienst Street View, um mit Aktionen und Aufrufen zum Wiederstand gegen Street View öffentlich Punkte zu sammeln.  Dabei sind auch einige Informationen publiziert worden, die nicht den Tatsachen entsprechen. Beispielsweise die Behauptung, Google hätte auch gezielt private WLAN-Daten ausspioniert, gesammelt und aufgezeichnet.

Sinn und Zweck des Gespräches war, einmal verschiedene Dinge klar zu stellen und den Leser über missverstehbare Zusammenhänge aufzuklären.

So nutzen Firmen soziale Medien

Juli 12th, 2010
Quelle: http://www.istrategy2010.com/wp-content/uploads/social-media-fortune-100.jpg

Quelle: http://www.istrategy2010.com/wp-content/uploads/social-media-fortune-100.jpg

Data Becker Verlag Düsseldorf auf sehr ungewöhnlichem Terrain

Juni 22nd, 2010
Ein Grillmagazin von den Computerspezialisten

Ein Grillmagazin von den Computerspezialisten

Den Düsseldorfer Data Becker Verlag kennen wir als Fachverlag für Computer-Zeitrschriften. Aber scheinbar haben die Gebrüder Becker jetzt den Lifestyle und Gourmet-Sektor für sich entdeckt, denn heute kündigt das Unternehmen den Start des “Grillmagazin” an. In diesem neuen Verlagsprodukt geht es nicht um Bits & Bytes, Hardware und Software, sondern um Kugelgrill, Bratwurst und richtiges Anfeuern.

Damit begibt sich der Data Becker Verlag auf ein für ihn bisher völlig neues Terrain. Wie die Pressemeldung informiert, ist die Idee zu dem neuen Heft wohl eher aus einer Laune heraus entstanden und wird realisiert, weil es scheinbar kaum Special-Interest-Titel zum Thema grillen gibt. Das Heft kommt ab Freitag für 7,99 Euro auf den Rost, äh in den Handel. Ob das Heft nun regelmäßig kommt, oder eine Eintagsfliege bleibt, ist der Pressemeldung nicht eindeutig zu entnehmen.

iPad’isierung der Medien wird auch von Werbung aufgegriffen

Juni 15th, 2010

Der Volkswagenkonzern hatte bisher immer den Ruf, eher sehr konservativ zu sein. So wurde der Golf als Cashcow der Produktpalette bei jeder Neuauflage nie radikal verändert sondern nur etwas moderner gestaltet und technisch aktualisiert. Doch jetzt weht zumindest in der Werbeabteilung mit dem neuen Marketingboss  Luca de Meo ein neuer Wind, denn: Erstmals verzichtet VW bei der Werbung für den neuen Polo GTI komplett auf klassiche Werbung in herkömmlichen Medien. Die kleine aggressive Rennsemmel wird ausschließlich im sozielen Netzwerk Facebook (http://www.facebook.com/volkswagen) und in YouTube beworben und das auch nur internationalisiert, also auf Englisch. Keine herkömmliche TV-Werbung, keine altbackenen Kampagnen.

Dabei wird auch konsequent auf virales Marketing gesetzt, denn in den witzigen Videoclips ist, wie hier zu sehen, nicht etwa das Auto zu sehen, dass blöde durch die Gegen bolzt. Viel mehr sind witzige Aktionen zu sehen, die zum Schluss nur einen Link auf besagte Facebook-Fanseite anzeigen. Die Zielgruppenansprache geschieht komplett über das soziale Netz. Damit erschließt VW ein Medium, das rasant wächst und vor allem, dass ausschließlich digital existiert und auch nur digital genutzt wird. Typischerweise auch unterwegs auf Note- und Netbooks, Smartphones und seit neuestem auch Geräten wie dem iPad. Damit muss man niemandem mehr von daheim am Rechner einen Link zu einem viralen Video schicken. Man hält seinen Freunden einfach das iPad vor die Nase und sagt “schau mal, was ich geiles gefunden habe!”

Geräte wie das iPad mobilsieren Mediennutzung

Wenn schon die Werbung die digitale Welt der Web 2.0 und vor allem mobile Endgeräte massiv erschließt, dann wird klar, dass die Medien hier nicht hinten an stehen und zögern können. Seit heute bin auch ich Besitzer eines iPad und ich muss sagen, dass ich begeistert bin von der mobilen Nutzung von Internetseiten, aber auch digitaler Magazine und eBooks. Ich bin gerade erst seit wenigen Stunden mit dem Ding am spielen und will es schon um nicht in der Welt mehr missen. Gerade die vernetzte Nutung von verschiedenen Medientypen wie Text, Audio und Video in Verbindung mit Facebook und Twitter aber auch Mail machen nicht nur richtig Spaß. Das Ganze ist auch sehr produktiv, denn in der Tat kann man mit dem iPad wirklich arbeiten. Nehmen wir das Schreiben von Blogs wie diesem als Beispiel. Auf dem iPad kein Problem.

Wenn die Werbeindustrie geschnallt hat, dass man über digitale Medien und mobile Endgeräte seine Zielgruppe viel besser, häufiger, intensiver und “überalliger” mit multimedialer Werbung erreicht, als mit dem Fernsehapparat, dem Radio oder einem gedruckten Zeitung, dann sind die daraus erwachsenden Möglichkeiten für die Medien gigantisch. Meiner Meinung nach stehen wir gerade erst an einem sehr spannenden Anfang einer noch viel spannenderen Entwicklung.

GEZ-Reform bringt die pauschale Haushaltgebühr

Juni 11th, 2010
Wenn der GEZ-Mann nicht mehr klingelt.

Wenn der GEZ-Mann nicht mehr klingelt.

Gestern haben die Ministerpräsidenten die Reform der Rundfunkgebühren beschlossen. Keine Gerätegebühr mehr, sondern eine Haushaltspauschale. Dafür aber muss jeder Haushalt zahlen, ob empfangsbereit oder nicht. Sprich die Zahl der Gebührenpflichtigen steigt und damit potentiell auch die Einnahmen. Deshalb fordern Politiker jetzt, dass die Rundfunkgebühr auf 15 Euro gesenkt werden muss. Der erste Politikjer fordert gar die Abschaffung der GEZ-Behörde in Köln, während andere vorschlagen, dass das Finanzamt die Gebühr wie eine Steuer eintreiben soll.

Es wird wieder die Frage aufkommen, ob die Rundfunkgebühr nicht gänzlich abgeschafft gehört. Aber wie soll sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk dann finnanzieren? Mehr Werbung? Da werden die Zuschauer auf die Barikaden gehen, die sich am liebsten gar keine Werbung wünschen.  Die GEZ und die Rundfunkgebühr wird für viele, nicht nur die Zuschauer, nach wie vor ein rotes Tuch bleiben. Auf jedenfall wird die Gebührenerhebung vereinfacht und transparenter.

Lesetipp: Aktuelle Ausgabe des Journalist zum Thema Abmahnungen

Juni 10th, 2010

Nachdem sich die Redaktion des “Journlaist” in der letzten Ausgabe mit der freiwilligen Schwärzung von Worten ein Eigentor geschossen hat, wird in der aktuellen Ausgabe das Thema Abmahnungen sehr ausführlich und umfassend behandelt.  Abmahnungen sind ein immer beliebteres Mittel, um Medien und Journalisten mundtot zu machen. Und wer gegen Redaktionen zu Felde zieht, tut das immer öfter beim Gericht in Hamburg, weil dieses mittlerweile für seine harten Urteile gegen die Medien ebenso bekannt wie beliebt ist. Der Journalist hat daui Medienrechtler Markus Kompa interviewt.

Titelthema sind die Abmahnungen von Journalisten und Medien

Titelthema sind die Abmahnungen von Journalisten und Medien

Buchempfehlungen in Sachen Online-Journalismus

Juni 1st, 2010

Dieser Tage sind mit zwei Bücher zum Thema Online-Journalismus und Online-Redaktion aufgefallen, die ich hier kurz und knapp vorstellen möchte.

Die Online-Redaktion: Praxisbuch für den Internet-Journalismus von den beiden Autoren Martin Sturmer und Thomas Holzinger. Was mir an dem Buch recht gut gefällt ist die Tatsache, dass der Schwerpunkt nicht auf Systemen wie CMS & Co liegt. Es ist keine Bedienungsanleitung für digitale und virtuelle Werkzeuge. Es ist zum einen ein echter Praxisleitfaden für das Schreiben und Produzieren für das Internet und das Web 2.0. Und es widmet sich dem Beruf des Online-Journalisten. Sturmer und Holzinger liefern eine aktuelle und an der Praxis orientierte Bestandsaufnahme des Berufsbildes des Online-Redakteurs und seiner Bedeutung und Aufgaben. Sie machen deutlich, dass die Online-Redaktion nicht mehr wie früher ein Parkplatz ist, auf dem man ungeliebte Mitarbeiter abstellt, sondern eine wichtige Kernaufgabe eines jeden Mediums! Auch wird deutlich, das Online-Medien nicht mehr ein bloßes Abbild der Printinhalt sein dürfen, sondern einen Mehrwert bieten müssen, um beim Nutzer anzukommen.


Auch das zweite Buch 1×1 für Online-Redakteure und Online-Texter: Einstieg in den Online-Journalismus ist ein echtes Buch für die Praxis und den Arbeitsalltag. Auch hier geht es um die Arbeitsweise der Profis, ergänzt mit Know-How. So lesen wir, worauf wir beim Schreiben achten sollen, um den Leser zu fesseln. Wir lesen von guten Überschriften und der Wichtigkeit des Bloggens und von guten Newslettern. Die zweite Auflage wurde unter anderem ergänzt um Themen wie Web 2.0, wo der Online-Redakteur zum Community-Manager wird. Auch “SEO”, sprich Suchmaschinenoptimierung und juristische Fragen wie Urheberrrecht und Creative Commons gehören dazu. Nicht zu vergessen die Bildrecherche im Internet.

Weitere Bücher zum Thema:

Lesetipp: Von Abmahnung bis Unterlassungserklärung

Juni 1st, 2010

Da es ja voll im Trend liegt,  Journalisten mit Abmahnungen mundtot zu machen, hat die Redaktion des Journalist eine nützliche Sammlung der juristischen Fachbegriffe zusammen gestellt, mit denen es ein Journalist zu tun bekommen kann. Hier finden Sie das “Abmahnlexikon“. Darin geht es um Begriffe wie “Abmahnung”, “Einstweilige Anordnung” oder auch “Schutzschrift”.

Nützliches "Abmahnlexikon" für Journalisten.

Nützliches "Abmahnlexikon" für Journalisten.

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