Am vergangenen Samstag war ich in Bonn auf der Konferenz „Besser Online“, wie jedes Jahr veranstaltet vom Deutschen Journalistenverband. Wie schon 2010 in München, war die Tagung sehr interessant und man konnte viele Kollegen treffen, sich austauschen und diskutieren. Nachdem ich letztes Jahr „nur“ Teilnehmer war, habe ich diesmal als Referent ein Werkstattgespräch zum Thema Bürgerjournalismus und partizipativem Journalismus gehalten. Dabei ergaben sich interessante Gespräche. Unter anderem diskutierten wir auch die Einbindung von Bürgerjournalimus direkt in die Internet-Angebote von Tageszeitungen. Hier könnte die Aufbereitung sublokaler Themen durch Bürgerjournalisten das Online-Angebot dort abrunden, wo eine reguläre Lokalredaktion in das Thema mangels Reichweite nicht selbst Arbeitskraft und –zeit investieren kann oder will. Schönstes Kompliment, dass mir Ulrike Kaiser, stellvertretende Bundesvorsitzende des DJV bezüglich meines Bürgerjournalismus-Portals www.wir-in-rheinhessen.de machte, war „Es gibt mehr, als nur das Heddesheim-Blog.“

Ich möchte hier jetzt nicht alle Diskussionen und Workshops besprechen, an denen ich teilgenommen habe. Ich möchte mich hier dem Schlusspanel zum Thema „Hyperventilation: Zu schnell, zu brutal, zu ungenau – über den Schnelligkeitswahn im Online-Journalismus“ widmen. Und ich möchte dabei zwei Thesen besprechen, die der via Skype zugeschaltete US-Journalist und Medien-Professor Jeff Jarvis in den Raum stellte.
Zunächst mal finde ich, dass die Feststellung zutrifft, dass Online-Journalismus in der Tat Gefahr läuft, zu schnell und zu ungenau zu werden. Da fällt mir ein ernst gemeinter Ratschlag – eher eine Aufforderung – unsere SEO-Leute hier im Hause ein, die sagen: „So schnell wie möglich publizieren, bearbeiten kann man es danach immer noch.“ Wenn ich also an diese Aussage denke, bin ich direkt bei einer der Thesen, die Jeff Jarvis via Skype in den Raum stellte:
„Publish first, edit later“ – Zuerst publizieren, danach erst bearbeiten und redigieren.
Ich halte dieses Paradigma für falsch, ja für fatal. Nach der Besser Online habe ich mich mit Jeff Jarvis via Twitter (http://twitter.com/#!/jeffjarvis ) kurz dazu ausgetauscht. Er meinte kurz und knapp (übersetzt): „Das passiert sowieso und wir müssen damit umgehen!“ Leider hat er damit recht. Man sieht es in vielen Online-Medien, dass Geschwindigkeit und nicht mehr Gründlichkeit das Handeln bestimmt. Dennoch halte ich es für fatal, dieses Paradigma zum Leitmotiv in der Arbeit von Online-Journalisten zu machen.
Um es mal auf einen ganz banalen Nenner zu bringen. Wenn man wegen Hetze und SEO-Druck fatale Fehler publiziert, weil Qualitätskontrolle und Sorgfalt durch Eile überrollt wurden, dann stehen diese fatalen Fehler dank SEO & Co dann ganz prominent an erster Stelle. Und alle lesen, dieses Medium hat Mist gebaut. Wenn das Rechtschreibefehler sind, dann ist das vielleicht nur peinlich. Wenn es aber Falschmeldungen sind, die vielleicht auch noch drastische Folgen nach sich ziehen, dann ist das fatal. Wie oft wurde beispielsweise schon gemeldet, dass Steve Jobs verstorben ist. Er efreut sich zwar defintv nicht bester Gesundheit, aber er lebt.
Meiner Meinung nach ist es wichtig, der Versuchung zu wiederstehen, der schnellste zu sein. Statt dessen sollte man bestrebt sein, der Beste zu sein, auch wenn es bedeutet, dass man ab und zu nur der Zweit- oder Fünftschnellste ist. Je mehr Google-Ranking und SEO als Maßstab für guten Online-Journalismus missbraucht werden, um so mehr geraten Qualität und der Leser/Nutzer aus dem Fokus. Aber wir schreiben für unser Publikum und nicht für einen Ranking-Algorithmus einer Suchmaschine. Kommen wir zu einer weiteren These von Jeff Jarvis, die er auf der Besser Online nannte:
„Digital frist, print last“ – Digital zuerst, Print zum Schluss
Diese These ist interessant und wert, darüber zu diskutieren, wenn man sie ohne den Ballast einer Wertung versteht. Dieser Satz meint nicht „Digital ist am besten, Print am schlechtesten“. Nein, meiner Meinung nach geht es um die Erzählreihenfolge und die crossmediale Entwicklung einer Geschichte. Ich möchte das an einem zugegeben einfachen Beispiel verdeutlichen, anstatt hier zu theoretisieren. Betrachten wir das ganze aus der Perspektive des Lesers.
- Montag 10:40 Uhr: Ein Reisebus verunglückt auf einer Autobahn.
- Montag 10:45 Uhr: Über die News-App auf dem iPhone meldet ein Tageszeitungsverlag kurz und stichpunktartig den Busunfall.
- Montag 13:30 Uhr: Die Internetseite der Tageszeitung liefert die Nachrichtenmeldung über den Busunfall mit ersten Daten und Fakten. Auch ein erstes Video von der Unfallstelle ist zu sehen.
- Dienstag: Die Tageszeitung berichtet ausführlich über das Busunglück und die Folgen. Als Ursache wird vor allem die Übermüdung des Fahrers ausgemacht. Polizeisprecher und Experten kommen zu Wort. Es wird über den Status der Verletzten berichtet und Bilder der Aufräumarbeiten werden gezeigt. Einer des Fahrgäste des Busses berichtet, wie er den Unfall erlebt hat. Als Ergänzung zum Thema Übermüdung des Fahrers wird mit einem Erklärstück die Regelung von Lenk- und Ruhezeiten von Berufskraftfahrern erläutert, ergänzt durch eine Unfallstatistik, die auf übermüdete Fahrer als Unfallursache fokussiert ist.
Dieses Beispiel mag recht primitiv sein, zeigt meiner Meinung nach aber gut, wie die These „Digital first, print last“ zu verstehen und umzusetzen ist. Es geht – wie schon erwähnt – nicht um den Wert des jeweiligen Medienkanals, sondern um die Produktionsabfolge, um es mal technisch zu definieren. Es geht darum, eine Geschichte crossmedial zu erzählen und jeden „Ausspielweg“ so zu nutzen, wie es am sinnvollsten ist. Auf einem mobilen Endgerät wie dem iPhone reicht die Schlagzeile mit knappsten Infos. Niemand will auf diesen kleinen Display einen zigtausend Zeichen langen Text lesen. Die Webseite liefert mehr Inhalt und vor allem auch Multimedia wie beispielsweise Videos. Die Tageszeitung hat die Zeit und den Platz, um das Thema dann ausführlich und umfassend aufzuarbeiten und abzurunden.
Soweit (m)ein kleiner Ausschnitt der Erkenntnisse der Besser Online 2011 im Bonner Post-Tower.
Und hier noch ein paar Links zum Thema Besser Online:
WG016: Betriebsausflug zu Besser Online: http://wikigeeks.de/201109/wg016-betriebsausflug-zu-besser-online/
Herzlich willkommen, liebe Journalisten! Wir nennen es Arbeit: http://blog.rhein-zeitung.de/blog/2011/09/20/herzlich-willkommen-liebe-journalisten-wir-nennen-es-arbeit/
DJV Besser Online 2011 in Bonn oder Geld verdienen im Netz ein Hype? http://pitchperfekt.com/2011/09/18/djv-besser-online-2011-in-bonn-oder-geld-verdienen-im-netz-ein-hype/
Vielen Dank für nichts: Besser Online 2011 http://www.floyboy.de/20110919/besser-online-journalismus-bonn/
Scheuklappen im Schnelligkeitswahn http://www.onlinejournalismus.de/2011/09/19/scheuklappen-im-schnelligkeitswahn/





Ich würde mich ja tierisch freuen wenn nicht mehr auf jeder Seite die gleichen Nachrichtenmeldungen stehen würden sondern die Kapazitäten wirklich auf Recherche gelegt werden. Ich muss nicht auf 8 Seiten eine Nachricht zum Thema “Mann beisst Hund” lesen. Lieber lese ich das einmal und dann einen Tag später Hintergrundartikel wie: “Deshalb beisst Mann manchmal Hund”.