Kostenlos kontra Paywall – stern.de will Bezahlsystem für journalistische Inhalte etablieren

Darf Online-Journalismus etwas kosten?

Darf Online-Journalismus etwas kosten?

Stern.de will sich laut einer Kress-Meldung mit einem neuen Partner namens LaterPay um eine Micropayment-Lösung bemühen, die speziell auf jorunalistische Inhalte maßgeschneidert ist. Die auf der LaterPay-Webseite dargestellte Grundidee klingt interessant. Der Nutzer, der bei LaterPay angemeldet sein sollte, wählt den Inhalt aus und bestätigt, dass er diesen später bezahlen wird. Dann kann er den Inhalt sofort konsumieren.  Erst er eine Summe von 5 Euro “zusammenkonsumiert” hat, wird dieser abgerechnet. Damit sind wir wieder mittein der Debatte um das leidige Thema: “Muss alles umsonst sein und bleiben, oder darf Qualitätsjournalismus im Internet etwas kosten?”

Im Online-Journalismus ist das Thema “Paid Content” seit Jahren umstritten. Auch auf der Tagung “Besser Online 2011” im Post-Tower in Bonn haben wir beim Eröffnungspodium zum Thema “Geld verdienen im Netz” darüber diskutiert. Gerne werden dann Nischenerfolge wie Selbstdarstellungskünstler wie beispielsweise Richard Gutjahr oder das oft bemühte Heddesheimblog als Beispiele bemüht. Da wird dann gesagt “Man kann im Internet mit Content durchaus Geld verdienen.” Aber meistens bleibt eine Frage dabei immer offen. Kann man mit journalistischen Bezahlinhalten wirklich auf einem wirtschaftlich tragbaren Nievau Geld verdienen? Kann ein Medienunternehmen mit Content statt Werbung irgendwann signifikanten Umsatz machen?

Alles umsonst oder doch bezahlen?

Das Gros der Nutzer will am liebsten alles umsonst, das aber bitte auf qualitativ höchstem Niveau und bitte ohne die lästige Werbung. Wenn ich bei solchen Diskussionen sage, dass ich für gute Inhalte gerne Geld bezahle und auch eine rein digitale Ausgabe der Allgemeinen Zeitung auf meinem iPad abonnieren würde, werde ich oft schräg angeguckt. Schnell kommen dann Sprüche wie “Nein, das Internet muss kostenlos bleiben.”

Wenn ich bei solchen Diskussionen dann anführe, dass die Erstellung qualitativer journalistischer Inhalte nicht kostenlos funktioniert und auch ich als Online-Journalist von meiner Arbeit leben will, dann kommt immer wieder das Argument “Ihr könnt ja Werbung auf den Seiten schalten.” Und das Argument kommt genau von denen, die vorher die Werbefreiheit kostenloser Inhalte verlangt haben.

Meiner Meinung nach kann das mit dem Geld verdienen funktionieren. Aber die Inhalte müssen gut und von hoher Qualität sein. Wer dafür Geld verlangt, das er nur DPA-Meldungen “durchschiebt”, der hat es nicht verstanden. Der liefert keinen Mehrwert. Und genau das ist der Dreh- und Angelpunkt. Diese Inhalte müssen Mehr- und Nährwert bieten. Wenn der Nutzer sagt “dieser Artikel ist für mich nützlich und wertvoll”, dann ist ihm dieser Inhalt auch etwas wert. Gut. Verlassen wir das “Ob” und kommen wir zum “Wie”.

Wie sollte für Bezahlinhalt kassiert werden

Wallstreet Journal nutzt eine Paywall

Wallstreet Journal nutzt eine Paywall

Hier sind wir zunächst sehr schnell bei der Frage “Abo beziehungsweise Komplettausgabe oder Kauf einzelner Artikel”. Einige wenige etablierte Medien haben ihre Inhalte mittlerweile recht konsequent hinter eine Paywall gestellt. Dass Wallstreet Journal beispielsweise bietet seine Europaausgaben rein digital für einen Wochenpreis von 1,50Euro an. Doch digitale Inhalte als Abo oder Komplettausgabezu verkaufen ist schwer. Sehr schwer. Unlängst wurde es für das iPad-Format versucht. So hat der Ringier-Verlag ein reines iPad-Magazin namens “The Collection” aufgelegt und mangels Verkaufserfolg nach zwei erschienenen Ausgaben eingestampft. Der Start von “The Daily” von Rupert Murdochs News Corp war nicht glanzvoll, sondern eher ein Rohrkrepierer. Und auch von Richard Bransons “Project” sind keine Jubelmeldungen zu hören. Aber warum funktionieren diese reinen iPad-Magazine nicht, die mit hohem Aufwand produziert werden und die ganzen multimedialen Funktionen des Apple-Tablets nutzen?

Flipboard News Aggregator

Flipboard News Aggregator

Eine mögliche Antwort nennt sich Flipboard oder Mashable. Beides sind Apps, die es dem iPad-Besitzer erlauben, sich aus verschiedensten Quellen eine eigene individuelle Zeitung mit den Inhalten zusammen zu bauen, die ihn interessieren. Nicht das Medium entscheidet, was der Nutzer liest, sondern der Nutzer. Diese News-Aggregatoren sind meist nicht von Verlagen und Medienhäusern geschaffen worden, sondern von Technologieunternehmen und Startups.

Doch die etablierten Medien haben genau diese Denke noch nicht gelernt. Sie wollen immer noch bestimmten, was dem Leser, Zuschauer oder eben Nutzer vorgesetzt wird. Möglichkeiten zur Individualisierung und Personalisierung werden nicht, Möglichkeiten zur Regionalisierung und Lokalisierung nur rudimentär genutzt. Aber genau darin sehe ich Möglichkeiten, digitale Ausgaben als Abonnement zu vermarkten. Ich will das einmal am Beispiel meiner Tageszeitung, die ich auf Papier abonniert habe:

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Personalisierung!

Würde die Allgemeinen Zeitung eine iPad-App an den Start bringen, bei der ich mir eine persönliche Ausgabe zusammenstellen kann, die mir dann auf der Übersichtsseite nur die Themen zeigt, die mich interessieren, dann würde ich dafür liebend gerne den Preis bezahlen, den mich die Papierausgabe derzeit kostet. Sport beispielsweise interessiert  mich fast garnicht, wenn dann nur nachrichtlich. Weltpolitk, nationale und internationale Themen konsumiere ich meist in anderen Medien. Ich will in “meiner” AZ vor allem alles Wissenswerte aus meiner Region lesen. Ich will regionale, lokale und sublokale Themen lesen. Deshalb soll eine solche iPad-App mir kein klassisches Abbild der Printausgabe als iPad-Klon servieren, sondern “meine” individuelle und auch mich abgestimmte AZ, die meine Themen und Interessen abdeckt. Dann zahle ich gerne!

Und ich glaube in dieser Personalisierung und auch Regionalisierung steckt auf für Internet-Ausgaben unglaubliches Potential, um Leser zu gewinnen, die für “ihre” (ganz persönlich generierte) digitale Tageszeitung als Browser-Ausgabe gerne zahlen würden! Also wenn Verlage und Medien aus der “Holzmedien-Denke” (Holzmedien ist kein Spruch von mir, sondern wurde auf der Besser Online dauernd für Printmedien benutzt) ausbrechen und Techniken etablieren, die dem Kunden “seine” maßgeschneiderte digitale Ausgabe der Zeitung oder des Magazines liefern, dann kann auch ein digitales Abonnement funktionieren!

Digitale Rosinenpicker

Das was stern.de und LaterPay vorhaben, ist der Verkauf von Einzelartikeln. Das ist durchaus ein gutes Modell. Der Leser, der sich intensiv für einen Artikel interessiert, kann diesen für einen kleinen Betrag per Micropayment kaufen. Er muss also nicht die ganze Zeitung kaufen, wenn er nur einen speziellen Artikel lesen will. Aber das fördert ja natürlich nicht die Leser-Blatt-Bindung. Das Prinzip bedient einen digitalen Rosinenpicker, der nur gelegtlich mal einen Artikel kauft und sonst auch viele andere Medien und Quellen nutzt. Um hier eine Leser-Blatt-Bindung gebacken zu bekommen, scheint eine Mischung aus kostenlosem Inhalt und “Premiuminhalt” sinnvoll. Die ganzen durchgeschobenen DPA-Meldungen und Standards gibt es umsonst, Reportagem, Features und andere eigenproduzierte Qualitätsstücke hingegen für einen erträglichen Betrag.

Zahlen muss schnell und bequem sein

Gut. Zu guter letzt noch ein paar Worte zur Zahlungstechnik. Auch für das Abo, aber vor allem für das Micropayment einzelner Artikel gilt: Die Zahlung muss schnell, einfach und bequem sein. Wenn ein Nutzer gerade beim Einzelkauf eines Artikels erst durch einen mehrschichtigen Zahlungsprozess über mehrere Abwicklungsseiten gescheucht wird, ist die Abbruchrate sehr hoch. Ein Artikel muss im Prinzip mit einem einzigen Klick bezahlt sein und zur Verfügung stehen, damit die Zahlschwelle nicht zur Hemmschwelle wird. Auch beim Abo ist es ähnlich und hier ist der deutsche Leser meiner Meinung nach ein “Gewohnheitstier” und dürfte Klassiker wie die Lastschrift bevorzugen. Aber es bleibt wichtig, das Bezahlen muss schnell, bequem und beiläufig geschehen, um nicht zur Hemmschwelle zu werden.