Kreditaffäre. Medienaffäre. Der Begriff Affäre wird derzeit gerade zu inflationär oft eingesetzt und zwar im Zusammenhang mit dem Noch-Bundespräsidenten Christian Wulff. Handelt es sich um eine Affäre? Ja, wenn man die Definition heranzieht, die Wikipedia liefert:
„Der Begriff Affäre bezeichnet einen Skandal in Politik und Wirtschaft, ein sexuelles Liebesabenteuer, das oft gleichzeitig mit einer bestehenden Partnerschaft stattfindet, oder eine unangenehme, dunkle, peinliche oder skandalöse Angelegenheit.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Affäre)
Die Kreditaffäre
Kommen wir zunächst zur Kreditaffäre. Ist es denn eine? Schwer zu sagen. Ist es schlimm, sich von Freunden Geld zu leihen? Nein! Denn leihen bedeutet, dass es zurück gezahlt wird. Ist es schlimm, sich bei einer Bank um einen Kredit mit bestmöglichen Konditionen zu bemühen? Nein, wenn diese Konditionen nicht über unlautere Wege (Stichwort Porsche-Rettung) als Vorteilsnahme im Amt eingetütet wurden. Was das Ganze zur Affäre macht ist der Umgang damit und zwar seitens Wulff selbst und seitens der Medien.
Die Urlaubsaffäre
Weiterhin wird Wulff zum Vorwurf gemacht, dass er bei Freunden kostenlos Urlaub gemacht hat. Ist das eine Affäre? Vom Grundsatz her nicht, solange da im Falle Wulff der Teufel nicht vielleicht doch im Detail steckt und auf die schon erwähnte Vorteilsnahme im Amt hinaus läuft.
Die eigentliche Affäre: Die Rolle der Medien
Die Rolle, die die Medien bei dieser Sache spielen, das ist für mich die eigentliche Affäre. Der Deutsche Presserat hat mit dem Pressekodex Leitlinien für die Arbeit von Journalisten heraus gegeben. Leitlinien über die der Presserat schreibt:
„Darin finden sich Regeln für die tägliche Arbeit der Journalisten, die die Wahrung der journalistischen Berufsethik sicherstellen, so z.B.:
• Achtung vor der Wahrheit und Wahrung der Menschenwürde
• Gründliche und faire Recherche
• Achtung von Privatleben und Intimsphäre“
(Quelle: http://www.presserat.info/inhalt/der-pressekodex/einfuehrung.html)
Die BILD und ihr Scharfrichter
Was wir dieser Tage erleben, spottet nicht selten den Maßgaben des Pressekodexes und ignoriert diesen leider zu oft. Allen voran die BILD. Die BILD schwingt sich zur Exekutiven auf und Chefredakteur Diekmann quasi zum Scharfrichter. In dieser Rolle erleben wir diese Zeitung nicht zum ersten Mal! Denn kaum saß einst der Wetterexperte Jörg Kachelmann in U-Haft da urteilte und vollstreckte die BILD quasi schon öffentlich. Kachelmann wurde im Mai 2011 aus Mangel an Beweisen frei gesprochen.
Die Veröffentlichung des Schreibens an Wulff nach dem Interview in ARD/ZDF, mit dem Diekmann würzig um die Erlaubnis bittet, die umstrittene Nachricht auf Diekmanns Anrufbeantworter publizieren zu dürfen, hat meiner Meinung nachts nichts mit seriöser Berichterstattung zu tun. Das ist billiges Nachkarten, ein öffentlicher Tritt vors Schienbein. Ich habe im Pressekodex nirgendwo eine Regel gefunden, die diese billige Effekthascherei rechtfertigt. Hauptsache es dient der Auflage. Und ist es nicht merkwürdig, dass der Inhalt des Anrufes auf wundersame Weise an die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung durch gesickert ist, obwohl:
„Zwei Tage nach der ersten BILD-Veröffentlichung zu dem Hauskredit (Dienstag, 13.12. 2011) suchte der Bundespräsident erneut den Kontakt zum BILD-Chefredakteur und bat in einem Telefonat persönlich um Entschuldigung für Ton und Inhalt seiner Äußerungen auf der Handy-Mailbox.
Deshalb hat die BILD-Zeitung nach breiter redaktioneller Debatte davon abgesehen, eigens über den Vorfall zu berichten. „
Getreu dem Motto: „Wir schreiben selbst nichts, wollen dem Wulff aber trotzdem richtig einen Strick aus dem Anruf drehen.“ Hat ja auch wunderbar geklappt, denn wie viele Journalisten und Medien-Moralwächter haben sich sogleich brav, wortreich und öffentlich empört.
Politiker sollten und würden Medienberichterstattung (über sich) nicht beeinflussen. Unsinn! Das passiert täglich! Das geschieht schon in der Lokalpolitik. Ein zugegeben banales Beispiel: Als ich vor rund elf Jahren in einer Mietwohnung über der Lokalredaktion der regionalen Tageszeitung wohnte, konnte ich regelmäßig Ohrenzeuge der Heimsuchungen der Redaktion durch einen Bürgermeister werden. Denn dessen verbale Eruptionen waren durch den Fußboden in meinem Wohnzimmer hindurch deutlich zu hören.
Das Schausten-Eigentor
Aber auch das Interview mit Wulff am Mittwoch dem 4. Januar war keine journalistische Glanzleistung. Nicht nur das Deppendorf und Schausten Vorhersehbares katalogartig fragten und dort, wo es sich anbot kaum deutlicher nachhakten. Sie schafften es auch nicht, von Detailfragen auf wichtige Grundsatzfragen zu kommen. Beispielsweise von den Detailfragen nach Kredit und kostenlosem Urlaub zur Frage nach dem grundsätzliche Selbstverständnis das ein Bundespräsident an den Tag legen sollte und ob Wulff dieses erfüllt.
Die Krönung des Interviews war jedoch das Eigentor, das Bettina Schausten sich dort geschossen hat. Sie hat einen Anfängerfehler gemacht, den man bei einem Volontärs-Frischling verzeihen, bei einer gestandenen Journalistin aber nicht erwarten würde. Sie ist Wulff satt auf den „Gegenfragen-Leim“ gegangen:
Wulff: “Da erhebe ich auch keine Rechnung, wenn mich die Freunde hier in Berlin besuchen.”
Schausten: “Hm, aber da hätten Sie natürlich auch sagen können: ‘Ich geb’ euch mal pro Nacht 150 Euro!’. Was spricht dagegen eigentlich?”
Wulff: “Machen Sie das bei Ihren Freunden so?”
Schausten: “Ja!”
Wulff: “Dann unterscheidet Sie das von mir, in dem Umgang mit den Freunden.”
Für mich als Rhetorik-Trainer war Wulffs gekonnter Konter (man beachte das subtile Wortspiel) ein Genuss! Das Schausten sich damit zum Gespött der Netzgemeinde machte, musste so kommen. Immerhin bemüht sich Schausten, das Eigentor nachträglich zu erklären, indem sie darlegt, was sie eigentlich gemeint haben will.
FAZIT:
Ok langer Rede kurzer Sinn, Zeit für ein Fazit, falls das in dieser unendlichen Geschichte überhaupt möglich ist.
Wulff ist fällig und wird meiner Meinung nach eher früher als später zurücktreten. Nicht zuletzt, weil sich jetzt weitere Instanzen in der Gestalt der VW-Investoren an dem Dauerfeuer beteiligen und andere ihn offiziell als inkompetent bezeichnen. Er wird letztendlich nicht an der Kreditaffäre scheitern, sondern an seinem sehr schlechten Krisenmanagement. Das ein Politiker, dem man eigentlich ein gerüttelt Maß an Erfahrung unterstellen möchte, so stümperhaft mit dieser Kriese umgeht, ist schon erstaunlich.
Erwartbar ist die Reaktion der Kanzlerin Angela Merkel, deren Mundwinkel dieser Tage vermutlich auf dem Niveau ihrer Schuhsohlen angekommen sind. Sie macht‘s wie Kohl und sitzt es weitgehend aus. Ist vermutlich auch besser so, denn die Möglichkeiten, die sie hat, sind wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Erstaunlich allerdings ist, dass die Opposition sich mit dem „Kanzlerinnen-Bashing“ so deutlich zurück hält. Rot und Grün halten den Ball derzeit erstaunlich und untypisch flach.
Unrühmlich ist die Rolle einiger Medien, allen voran der BILD-Zeitung, denn an Diekmanns Verhalten wird eines deutlich und klar. Es geht hier nicht um neutrale und informative Berichterstattung. Es wird Einfluss genommen und manipuliert. Auflage, Quote und Klicks sind das Maß der Dinge geworden und nicht mehr Objektivität und Neutralität. Warum Diekmann Wulff eine Breitseite verpassen wollte, ist derzeit nicht bekannt. Aber dass das die Absicht war, das liegt meiner Meinung nach auf der Hand! Den besten Kommentar zur Rolle der BILD in der „Causa Wulff“ habe ich heute in der Allgemeinen Zeitung Mainz gelesen. Er stammt vom Chefredakteur Friedrich Roeingh. In Ermangelung einer verlinkbaren Online-Quelle habe ich diesen Kommentar quasi als „Bildzitat“ beigefügt. Auch Hape Kerkelings offenes Bekenntnis zu Christian Wulff finde ich sehr gut.






Wulff wird nicht zurücktreten. Das hoffe ich zumindest und Glaube es auch. Er hat noch über drei Jahre. Wird er anknüpfen können, wo er zu Beginn seiner Präsidentschaft begonnen hat, so bleibt auch das aktuelle desaströse Krisenmanagement letztlich nur als eine Episode in Erinnerung.
Gibt er jedoch auf, so wird nur noch dies mit seiner Präsidentschaft verbunden werden.
Langsam ist es wirklich unverschämt, was uns als Wähler und Steuerzahler zugemutet wird. Selbst, wenn der Wulff jetzt zurücktritt, bekommt er immer noch 200.000 Euro im Jahr, bis er tot ist. Wofür denn bitte? Ich muß jeden Cent umdrehen und die Herren Politiker lassen es krachen, auf unsere Kosten. Wenn wir es nicht schon geahnt haben, einen Bundespräsidenten braucht Deutschland wirklich nicht. Zumindest nicht so einen.
Ich bin ja dafür das Kerkeling Wulff irgendwann in der Verfilmung spielen soll. Heißt dann wahrscheinlich “Der letzte Präsident” und wird in 20 Jahren nicht mehr verstanden werden.